Der 25. Rote Tisch: Auto, zu Fuß, Rad, ÖPNV – wo liegt Berlins Verkehrszukunft?

Der 25. Rote Tisch begann sehr emotional. Jens-Holger Kirchner der ehemalige Verkehrsstaatssekretär hatte nach einer längeren Zwangspause, bedingt durch eine schwere Krankheit, seinen ersten öffentlichen Auftritt. Matthias Kollatz freute sich sichtlich, dass es Kirchner wieder so gut geht. Dieser sagte, er sei froh wieder zurück zu sein, fühlt sich befreit und in Demut, da mit solch einer schweren Erkrankung sich auch das eigene Herangehen an das Leben verändert.

Das Bürgerbüro in der Schützenstraße war bis auf den letzten Platz gefüllt. Matthias Kollatz sprach davon, dass Jens-Holger Kirchner ein Händchen für Verkehr hätte. Und stellte gleich anschließend die Frage, wo denn die wirklichen Verkehrsprobleme liegen in Berlin? Für Kirchner besteht das größte Problem darin, dass jeder denkt, er hätte recht und jeder Recht bekommen will. Und dass das Auto immer noch eine zu große Lobby hat. Dass rote Ampeln und Baustellen von jeglichem Verkehrsteilnehmer als persönlicher Affront gewertet werden. Dass gemeinwohlorientierte Argumente oftmals nur dazu angeführt werden, den Status Quo zu erhalten und Veränderungen oder gar Einschränkungen zu bekämpfen.

Dazu kommt, ergänzte Matthias Kollatz, dass man Brandenburg immer mitdenken muss, gerade in Bezug auf die Pendler. Beim wichtigsten Thema der Hauptstadt, dem Neubau preiswerten Wohnraums, kommt es natürlich auch zu Verkehrsdiskussionen – 30.000-40.000 zusätzliche Menschen erzeugen zusätzliches Verkehrsaufkommen, übrigens mehr, wenn sie außerhalb von Berlin wohnen und weniger, wenn sie innerhalb des Stadtgebiets wohnen. 

Dann wollte der Gastgeber wissen, wie Jens-Holger Kirchner zu seinem Spitznamen „Nielson“ gekommen ist? Lachend berichtete dieser, dass er schon in jungen Jahren das Buch Nils Holgerson- Reise mit den Wildgänsen gelesen hätte. Da wird Schweden erklärt. Es sei sein liebstes Buch.

Nach dem Mauerfall engagierte er sich. Er wurde Bezirksverordneter in Pankow und später Stadtrat. 1989/90 war noch viel möglich, so Kirchner weiter, viele neue Ideen haben in der Wende- und Nachwendezeit auch Chancen gehabt. Zunächst setzte er seine Akzente auf der kommunalen Ebene als Stadtrat für öffentliche Ordnung. Grinsend berichtete er, dass dieses Ressort von den Linken und der SPD „bestimmt“ wurde – „die wollten die Grünen ärgern“.  Überhaupt ist er der Meinung, dass die Grünen auch mal das Innen- oder das Finanzressort übernehmen könnten, auf Senatsebene.

Einige Ideen von Jens-Holger Kirchner als Stadtrat sorgten regelrecht für Furore. So z.B. die Idee des Smiliesystems, um Lebensmittel sehr einfach zu kennzeichnen. Die Lebensmittellobby war dagegen. Und dazu kam, dass es an Leuten fehlte, die dieses Vorhaben konsequent angegangen wären.

Matthias Kollatz stellte als nächstes die Frage, in welchem Umfang die Bezirke Verkehrspolitik machen können? Die Antwort kam prompt. Viel, wenn der Stadtrat Verantwortung übernimmt. 

Die nächste Frage betrifft die E-Roller. Letztlich, so Kirchner, muss man schauen, wieviel überhaupt kommen. Richtig ist, sie nicht auf den Gehwegen fahren zu lassen. Und die Helmpflicht ist sehr wichtig. Kompakte Abstellplätze für Gruppen von E-Rollern sind von Firmen zu mieten. Kirchner sagte er mag an Berlin, dass man experimentieren kann. Berlin ist flach und von daher schon auch sicher für Rollerfahrer. 

Berlin habe noch Luft nach oben. Andere Städte wie Amsterdam und Kopenhagen seien bis zu 30 Jahre voraus und die Innenstädte seien kleiner, so Kirchner weiter. Dazu kommt dass dort die Mentalität herrscht, das Rad hat Vorrang!  Matthias Kollatz fügte hinzu, das der öffentliche Raum neu aufzuteilen sei. Beispielsweise wird es rund um den Steglitzer Kreisel mit der Wiederbelebung des Hochhauses mehr Verkehr geben, wenn dieser fertig sei. Dann braucht es eine neue Flächenaufteilung.

Kollatz fragte weiter, ob die Tempo 30 Zonen das halten, was sie versprechen? Was ist mit den Schadstoffen in der Stadt? Jens-Holger Kirchner ist sich sicher, dass man in Berlin um Dieselfahrverbote schon bald nicht herum kommt. Etwas, das die Industrie durch ihre Täuschungs- und Vertuschungsmaßnahmen im Kern verursacht hat. Tempo 30 wird einen klimatischen Beitrag bringen, aber nicht mehr. Im Wesentlichen bewirkt es mehr Sicherheit und weniger Unfälle. Gut wären deshalb die blauen Umweltplaketten mit Übergangsfristen. 

Im weiteren Verlauf des Abends wurde lebhaft mit dem Publikum über den Ausbau des ÖPNV diskutiert. U- Bahnverlängerung, mehr Busse und mehr Straßenbahnen. Klar ist, die Straßenbahn Variante ist günstiger, die Kosten belaufen sich auf ein 1/10 dessen, was U-Bahnen kosten würden. Dennoch sagte Matthias Kollatz, dass er sich dafür stark gemacht habe, dass man den U-Bahnausbau nicht ganz aufgibt. Es ließen sich große Effekte mit kleinen Streckenverlängerungen erreichen – am offensichtlichsten im Märkischen Viertel in Reinickendorf.

Jens-Holger Kirchner sagte, als man auf das Thema Parken zu sprechen kam, dass es bei vielen Verkehrskontroversen nur um Parkplätze geht und die Gewohnheit des kostenlosen Parkens im öffentlichen Raum bewahrt werden soll – mitunter auf großen Plätzen. Manche Kontroversen um die vielen Neubauprojekte der Stadt haben also weniger mit dem Bau selbst zu tun als damit, dass liebgewordene Flächen zum Autoparken bebaut werden. Aber es gilt zu bedenken, dass es keinen Anspruch auf Parken im öffentlichen Rau gibt. 

Zum Schluss ging es um das Thema Sicherheit. Die Aufenthaltsqualität auf den Bahnhöfen muss erhöht werden. Aber auch die abschreckende Wirkung von Kameras sollte genutzt werden.